Was bleibt.

Archiv der erzählenden Dinge

Warum ein Archiv der erzählenden Dinge über die DDR und die Zeit der Deutschen Teilung?

„Ein Leben, das in seiner Gänze nicht erzählt werden kann, macht den Menschen krank.“[1]

Vor dem Mauerfall am 9. November 1989 vor mittlerweile über 30 Jahren war Deutschland mehr als 40 Jahre lang geteilt: Mit zwei vollkommen unterschiedlichen Staats- und Wirtschaftsformen und den sich daraus ergebenden unterschiedlichen Lebensweisen machten die Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) je eigene Erfahrungen. Und auch der Mauerfall, die Wiedervereinigung und die Zeit danach stellten die Menschen in Ost und West vor sehr unterschiedliche Probleme und Herausforderungen. Bis heute sind die Folgen der Teilung Deutschlands noch immer spürbar  – ebenso wie die vielfältigen Emotionen und Perspektiven, die Menschen aus beiden Teilen Deutschlands bezüglich dieser Zeit haben.

Erfahre bei der Bundeszentrale für politische Bildung und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mehr über die Geschichte der DDR und der deutschen Teilung.

Nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung vor 30 Jahren blieb oft wenig Zeit für die Reflexion und Aufarbeitung dieser Periode der deutschen Geschichte. Es war eine Zeit des Umbruchs, die von der deutschen Bevölkerung auf beiden Seiten oft sehr unterschiedlich erlebt wurde. Gerade für Menschen, die in der DDR lebten, bedeutete der Mauerfall und die Wiedervereinigung eine komplette Veränderung ihres bisherigen Lebens. Nicht nur auf materieller Ebene, sondern auch auf politischer, ökonomischer und sozialer Ebene fand eine radikale Überschreibung statt, die der ehemaligen DDR auch die Bezeichnung eines „verschwundenen Landes“[2] verlieh.

Die Bevölkerung hat die Zeit des Umbruchs auf vielfältige Art und Weise erlebt: Viele empfanden sie als Aufbruch in ein freies, demokratisches System ohne Überwachung und Repression; für andere bedeutete sie einen starken Einbruch ihres bisherigen Lebens durch Arbeitslosigkeit, fehlende Perspektiven und ein Gefühl der Entwertung der bisherigen Lebensleistung und Identität. Bis heute wirken diese unterschiedlichen Erfahrungen und biografischen Brüche der Zeit vor und nach dem Mauerfall in gegenwärtigen Debatten um Demokratie, Zugehörigkeit und Integration in Deutschland. So fühlen sich einige Menschen durch ihre Erfahrungen in der DDR und nach dem Mauerfall von der aktuellen Gesellschaft ausgeschlossen, „fremd im eigenen Land“, durch ihre oftmals widersprüchlichen Biografien abgewertet oder aber als Opfer von Überwachung, Repression und Verfolgung durch das SED-Regime nicht genug wahrgenommen.[3]

Im Rahmen der historischen Aufarbeitung der DDR und der Deutschen Teilung sind vor allem die individuellen Lebensgeschichten und Identitätsbildungsprozesse ehemaliger DDR-Bürger*innen noch immer wenig bearbeitet. Viele Menschen finden sich in der offiziellen Erinnerungspolitik kaum wieder. Gerade auch die Widersprüchlichkeiten des Lebens in der SED-Diktatur und die mit dem Mauerfall zusammenhängenden biografischen Brüche finden in der Öffentlichkeit und sozialgeschichtlichen Aufarbeitung nur wenig Raum.[4]

Diese Lücke der biografischen Aufarbeitung führt laut dem Historiker Karsten Krampitz jedoch dazu, dass kein Bewusstsein über die eigene Geschichte gebildet werden kann und dadurch Identität und Selbstwert des Einzelnen oder einer ganzen Gruppe Schaden nehmen: „Ein Leben, das in seiner Gänze nicht erzählt werden kann, macht den Menschen krank.“[5] So sei es unabdingbar, von der eigenen Biografie ohne Tabus erzählen zu können, auch ohne verschweigen zu müssen, was aus heutiger Sicht als falsch, widersprüchlich oder aber schlicht als unvorstellbar gilt.

Verdinglichte Erinnerungen

Das dokumentarische Begegnungsprojekt „Was bleibt“ versucht, durch die Beteiligung von Zeitzeug*innen ein Online-Archiv an Ding-Geschichten entstehen zu lassen, das einen multiperspektivischen Blick auf die Lebenserfahrungen in DDR und in der Zeit der Deutschen Teilung eröffnet, indem es die individuellen Erlebnisse der ehemaligen DDR- und BRD-Bürger*innen in den Vordergrund rückt. Dinge, persönliche Erinnerungsstücke und Gebrauchsgegenstände bilden den Mittelpunkt des Projekts. Von ihnen ausgehend werden Lebensgeschichten und Erfahrungen beleuchtet.

Denn Alltagsgegenstände und persönliche Objekte sind materielle Spuren, die einen besonderen Zugang zu unseren komplexen Biografien eröffnen. Durch ihre spezifische Materialität, ihre Produktions- und Gebrauchsgeschichte erzählen sie von der Vielschichtigkeit der Lebensrealitäten ihrer Besitzer*innen und erlauben so eine unmittelbare Verknüpfung individueller und kollektiver Erfahrungen. Sie sind ein Anker zum Wieder-Erinnern, zum Erzählen und zum Austausch über das eigene Leben in jener Zeit. Denn manchmal können die Dinge das verkörpern, was auszudrücken uns schwerfällt, oder sie sind ein verbindendes Element, das uns hilft, die Vielfältigkeit und Verschiedenheit von Erfahrungen und Perspektiven nicht als trennend, sondern als bereichernd wahrzunehmen und so die Unterschiedlichkeit der Lebensrealitäten anzuerkennen.

Über die Dinge, die bleiben und die geblieben sind, unsere persönliche Geschichte zu erzählen, mit all ihren Lücken, Widersprüchen und ihrer Lebendigkeit, bietet uns so zugleich die Möglichkeit, anders auf unsere eigenen Erfahrungen zu blicken und die Erlebnisse anderer Menschen mit Neugier und Interesse zu betrachten.

Hast du Gegenstände aus dieser Zeit, deren Geschichte du gerne teilen möchtest? Dann werde hier Teil des Archivs der erzählenden Dinge!

Die Besonderheit von Dingen aus der DDR

Die unterschiedlichen Lebenserfahrungen spiegeln sich auch in den Dingen aus Ost und West und den damit verbundenen persönlichen Geschichten und Assoziationen zur deutschen Teilung wider. Gerade in der DDR hatten Gegenstände oftmals eine spezielle Bedeutung, die weit über ihren materiellen Wert hinausging und dabei viel über die damaligen Lebensrealitäten in der Diktatur der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) erzählt. Die Besonderheit von Objekten aus der DDR steht im Zusammenhang mit dem repressiven System der SED-Diktatur und der sozialistischen Konsumgüterproduktion und Wirtschaftsordnung[6]. Durch die ökonomischen Gegebenheiten waren die Produktion von Gütern und die Auswahl an Waren stark begrenzt: Viele Haushalte besaßen die exakt gleiche Ausstattung an Möbeln, Haushaltsgegenständen und Konsumgütern.

Der Erwerb einzelner Waren war oftmals schwierig und kostenintensiv, darüber hinaus bestand eine starke Sehnsucht nach bestimmten Lebensmitteln und Objekten, die es in der DDR nicht gab. So wurden Pakete mit Westwaren in die DDR geschickt, Dinge über die Grenze geschmuggelt oder auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Oftmals werden diese Dinge bis heute aufbewahrt –  weil sie damals so wertvoll und schwer zu bekommen waren.

Die Widerständigkeit der Dinge

Neben diesen ersehnten und massenhaften Objekten gab es auch viele verbotene und widerständige Gegenstände, wie diverse Westprodukte und beispielsweise Bücher, Schallplatten und Druckmaterialien mit nicht-SED-konformen Inhalten. Der Besitz und Handel dieser Dinge wurden in der SED-Diktatur mit starker Repression und Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS oder Stasi) beantwortet.

Gleichzeitig boten diese Dinge für die Menschen die Möglichkeit, sich der Kontrolle der Staatsführung bewusst zu widersetzen und Informationen jenseits der staatlichen Propaganda der Diktatur zu erhalten. Sie waren oft Teil von persönlichen und kollektiven Geschichten des Widerstandes, der Opposition und der individuellen Freiheit in einem diktatorischen System.

Die Objektkultur in der DDR spiegelt eingängig die Mechanismen, Funktionsweisen und Folgen der SED-Diktatur und der deutschen Teilung wider. Dies lässt sich einerseits ablesen an den Verboten und Maßnahmen staatlicher Kontrolle bezüglich bestimmter Objekte und den daraus entstandenen vielfältigen Formen des individuellen und kollektiven Widerstandes. Andererseits spricht dafür die Vielzahl systemstützender und Ideologie-vermittelnder Gegenstände wie beispielsweise Abzeichen, Kleidung oder auch Druckmaterialien zu politischen und historischen Themen.

Nach dem Mauerfall 1989 wurden viele Gegenstände, Geräte und Möbel der DDR als altmodisch und unbrauchbar klassifiziert und massenhaft entsorgt. Andere Dinge wurden jedoch bis heute aufbewahrt oder sind auf Flohmärkten, im Trödelhandel oder in Designläden zu finden. In allen leben Geschichten und Erinnerungen – die gilt es zu erkunden!


[1] Karsten Krampitz, 1976. Die DDR in der Krise, Berlin 2016.

[2] Nicolas Offenstadt, Le pays disparu : Sur les traces de la RDA, Paris 2018.

[3] Ebd.

[4] Mary Fulbrook , Approaches to German Contemporary History since 1945. Politics and Paradigms, in: Zeithistorische Forschungen, Online-Ausgabe 2004, https://zeithistorische-forschungen.de/1-2004/4480.

[5] Karsten Krampitz, 1976. Die DDR in der Krise, Berlin 2016.

[6] Justinian Jampol, Jenseits der Mauer. Kunst und Alltagsgegenstände aus der DDR, Köln,2014.

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