Was bleibt.

Archiv der erzählenden Dinge

Eigentlich war ich glücklich in meiner Kindheit in Schwerin, Mecklenburg. Bis zu meinem 13. Lebensjahr hatte ich ja auch nichts anderes gekannt. In der DDR wurde für die Jugend viel organisiert: Die Kinder konnten zum Beispiel in den Sommerferien in ein Ferienlager geschickt werden. Mein Bruder und ich fuhren so fast jedes Jahr für zwei bis drei Wochen fort. Ein Ferienlager in Sonneberg, Thüringen, habe ich besonders lebhaft in Erinnerung, weil wir in einem kleinen Theaterstück auf der Bühne standen. Auch die morgendlichen Fahnenappelle mit der Meldung „Seid bereit!“ – und alle anwesenden Kinder und Jugendlichen antworten: „Immer bereit!“ – habe ich noch plastisch vor Augen, zumal ich davon ein Foto besitze.

Fahnenappell

Regelmäßig im Herbst wurde mein Vater zum Mithelfen bei der Kartoffelernte verpflichtet. Er fand es verständlicherweise nicht so gut, weil es, soweit ich mich erinnere, nicht bezahlt wurde und auch ziemlich anstrengend war. Wir Kinder durften mit und fanden es lustig. Wir hatten viel Spaß dabei.

Am 24.12.1960 gegen Abend erklärten uns unsere Eltern plötzlich, dass wir Verwandte in Ost-Berlin besuchen würden. Wir sollten nur Waschzeug und Kleidung für ein Wochenende einpacken. Noch Heiligabend sind wir zu Verwandten nach Schwerin gefahren, um dort für die Zeit unseres Fortbleibens unseren Wellensittich unterzubringen. Am nächsten Morgen fuhren wir dann mit dem Zug nach Ost-Berlin. Keiner von uns Kindern ahnte, dass wir als Familie nicht wieder nach Schwerin zurückkehren würden. Meine Eltern hatten uns nichts von der bevorstehenden Flucht gesagt.

Weihnachten 1989

Als zwei Volkspolizisten in unser Abteil traten, um uns zu kontrollieren, herrschte totale Anspannung. Viele Menschen mussten aus dem Zug aussteigen. Durch die Geistesgegenwart meiner Mutter hatten wir Glück. Auf die Frage, wohin wir denn fahren wollten, hatte sie geantwortet:  „Zu Verwandten nach Ost-Berlin, um Weihnachten und Silvester zu feiern“. Die Familie einer Schulfreundin, die auf dem gleichen Weg „abhauen“ wollte, wurde zwei Mal „geschnappt“, wie man das damals nannte. Ihr Vater saß dann für einige Zeit im Gefängnis. Später haben sie es dann aber doch noch geschafft.

In Ost-Berlin angekommen, sind wir dann mit der S-Bahn über den noch offenen Grenzübergang nach West-Berlin geflüchtet. Dort haben wir bei Verwandten die Feiertage verbracht. Ein Foto von diesem Weihnachten habe ich noch. Mein anderthalb Jahre älterer Bruder hat dort die erste Zigarre seines Lebens geraucht. Meine eigentlich strengen Eltern haben es nicht bemerkt, denn sie waren zu sehr mit dem Feiern der gelungenen Flucht beschäftigt.

An das „Aufnahmelager Marienfelde“ habe ich kaum Erinnerungen. Ich weiß auch nicht mehr, wie lange wir dort waren – vielleicht vier oder sechs Wochen. Es flohen ja tausende Menschen aus der DDR.

Im Flugzeug nach Hannover

Mit dem Flugzeug ging es dann vom Tempelhofer Flughafen nach Hannover und weiter mit dem Bus oder Zug in das Flüchtlingslager nach Wesel, wo wir fast zwei Monate waren. Von der Ankunft in Hannover gibt es ein Foto, das mein Vater aufgenommen hat.

An die Zeit in Wesel habe ich gute Erinnerungen, zum Beispiel an die geselligen Zusammenkünfte mit gemeinsamem Kochen und Basteln oder an die Kleiderkammer, in der es gebrauchte Kleidung und Schuhe gab. Da ich ja in einem Alter war, in dem Klamotten anfingen, eine Rolle zu spielen und auch, weil es in der DDR nicht so viel Kleidung zu kaufen gab, kann ich mich noch sehr genau an ein paar rote Pumps mit Absatz erinnern, in denen ich stolz herumspazierte.

Ankunft in Hannover

Ich weiß nicht mehr, wann meine Eltern uns Kindern gesagt haben, dass wir nie mehr als Familie nach Schwerin zurückkehren würden. Meine geliebte Oma und auch die meisten meiner Freundinnen und Klassenkameraden habe ich nie richtig verabschiedet und nie wiedergesehen. Meine Oma ist noch vor dem Mauerfall gestorben. Erst  1995, nach 35 Jahren, habe ich dank Internet eine gute Freundin wiedergefunden und in Schwerin besucht.

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