Was bleibt.

Archiv der erzählenden Dinge

Harald – 230.000 Augenblicke des Alltags

In der sächsischen Provinz Radebeul geboren und aufgewachsen, zieht Harald Hauswald 1977 nach seiner Ausbildung zum Fotografen nach Ostberlin. Dort arbeitet er neben seiner Tätigkeit als Fotograf unter anderem als Heizer, Restaurator und Telegrammzusteller und porträtiert dabei das ganz alltägliche Leben auf den Straßen, den Hinterhöfen, Diskotheken und den entlegensten Ecken der DDR: 230.000 Bilder voller Anteilnahme und Sympathie mit den Leuten, die ihr Leben unter oft schwierigen Verhältnissen bewältigten, zugleich aber voller Ironie gegenüber ­einem Staatwesen, dem er von Anfang an kritisch gegenüberstand. Als minutiöser Chronist und Regimekritiker der DDR wurde Harald ständig von der Staatssicherheit überwacht und schikaniert. Nach dem Mauerfall gründete er gemeinsam mit befreundeten Kolleg*innen die Agentur der Fotografen OSTKREUZ.

Eines der Objekte, die Harald am meisten mit dem Alltag in der DDR in Verbindung bringt, waren die Telefonzellen, die es überall in Berlin gab. Denn die meisten Menschen hatten kein eigenes Telefon zu Hause, sondern konnten mit ihren Freund*innen, Partner*innen oder Verwandten nur über öffentliche Telefonzellen kommunizieren. Gerade die Telefonzellen in Berlin waren besonders begehrt, denn über sie konnte man direkt nach Westberlin telefonieren, ohne wie in anderen Orten das Gespräch über die Telefonzentrale voranmelden zu müssen.

Für ein Gespräch nach Westberlin, das damals als Auslandsgespräch galt, musste pro Minute eine 20-Pfennig-Münze in das Telefon gesteckt werden. Gerade bei langen Gesprächen war man so schnell alle seine Münzen los. Doch Harald erzählt von einem kleinen Trick, mit dem die 20 Pfennig eine Ewigkeit lang ausreichten: Viele Menschen klebten einen Faden an die kleine Messing-Münze und zogen dann beim Ablaufen der Minute kurz an der Schnur, um dieselbe Münze immer wieder zu verwenden. So konnte man ganz in Ruhe für nur 20 Pfennig telefonieren.

Gerade die Gespräche nach Westberlin wurden häufig vom Ministerium für Staatssicherheit abgehört und Harald erzählt, wie er immer, wenn er ein Knacken in der Leitung wahrnahm, wusste, dass jetzt jemand mithörte.

Viele Menschen sprachen deshalb in einer Art von Codesprache am Telefon: „Ich gehe heute zur Großmutter“ bedeutete dann eigentlich „Ich gehe zu dem Freund, der den Ausreiseantrag bewilligt bekommen hat“ oder Ähnliches. Harald mochte diese Geheimsprache jedoch nicht, sondern wollte immer offen und direkt sagen, was er dachte. Um sich und seine Freund*innen zu schützen, beschloss er deshalb, über manche Dinge, die wirklich wichtig waren, einfach gar nicht zu sprechen.

Heute prägen Haralds Fotografien die Erinnerung an den Alltag in der DDR und sind in vielen Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen. Oft begegnet Harald dort Menschen, die sich auf seinen Fotografien wiederentdecken und die dann ihre Kinder oder Freund*innen in die Ausstellung mitnehmen, um ihnen mithilfe der Fotos ihre Erfahrungen und Erlebnisse der Kindheit und Jugend zu erzählen.

Vor ein paar Jahren geschah auf einer Ausstellung in Spanien etwas, was sich Harald eigentlich immer für seine Fotos gewünscht hatte: Da die Besucher*innen nicht viel über die deutsche Teilung wussten, sahen sie die Fotos nicht als Bilder aus der DDR, sondern vielmehr als Momentaufnahmen des Alltags in den 1970er und 80er Jahren. Im Vordergrund stand so nicht das Sprechen über den Staat DDR und ein System, sondern der Austausch über das Leben und die Erinnerungen von vor über 30 Jahren.

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