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Ibraimo – Boxen gegen das Wegschauen

Ibraimo dachte eigentlich daran, Sport studieren zu können, als er als 18-Jähriger im Jahr 1981 als einer der besten Schüler*innen aus Mosambik in die DDR gehen durfte. Diese Versprechungen wurden jedoch nicht eingelöst – Ibraimo musste als Vertragsarbeiter im VEB Fleischkombinat Berlin arbeiten. Aber Ibraimo rückte nicht von seinem Traum ab: Er fing an, Boxen zu trainieren und kämpfte beim Ostberliner Verein BSG Tiefbau Berlin und schon bald auch auf internationaler Ebene. Sowohl in der DDR als auch später in der BRD wurde er mit dem starkem Rassismus der Bürger*innen konfrontiert sowie der Ignoranz durch Polizei und Behörden gegenüber diesen Übergriffen und Anfeindungen. Doch Ibraimo hörte nicht auf und kämpft bis heute gegen Rassismus und für mehr Sichtbarkeit und Toleranz.

Da die DDR unter einem akutem Arbeitskräftemangel durch die Auswanderung und Flucht von über 3,4 Millionen Menschen in die BRD litt, traf sie ab den 1960er Jahren bilaterale Abkommen über die Entsendung von Auszubildenden und Fachkräften aus anderen sozialistischen Staaten wie Polen, Vietnam oder Mosambik. Vordergründig ging es dabei um die Aus- und Weiterbildung von Arbeitskräften, die dann später mit besseren Qualifikationen in ihre Heimatländer zurückkehren sollten. Von Seiten der DDR wurden die Vertragsarbeiter*innen jedoch vor allem zur Deckung des Mangels an billigen Arbeitskräften für schlecht bezahlte und / oder gefährliche Arbeitsplätze angeworben.

Entgegen Ibraimos Traum, als junger und sehr gut qualifizierter Mensch ein Sportstudium zu absolvieren, musste er nach seiner Ankunft in der DDR im VEB Fleischkombinat Berlin Konserven produzieren und dafür die toten Schlachttiere am Fließband zerkleinern. Doch eine Rückkehr nach Mosambik war unmöglich: Die DDR drohte ihm mit 15 Jahren Gefängnis in seinem Heimatland zur Abarbeitung der Kosten für die Ausbildung und die An- und Rückreise.

Ibraimo erinnert sich noch genau an seine ersten Tage im Betrieb. So erzählt er heute schmunzelnd, wie er eindringlich angewiesen wurde, auf keinen Fall die abgetrennten Filets weiterzuverarbeiten: Denn diese kamen in eine gesonderte Box und wurden in die BRD geschickt – zur Erlangung von Devisen.

Die Arbeitsbedingungen im Fleischkombinat waren wie bei fast allen Vertragsarbeiter*innen sehr prekär. Trotz der schweren und oft gefährlichen Arbeit waren die dafür gezahlten Löhne extrem niedrig: Vom Gesamtlohn bekamen Ibraimo und seine Kolleg*innen unter Vertragsarbeit nur 40 %. Der Rest des Geldes ging als Transferzahlung an den Staat Mosambik, der damit seine Staatsschulden zahlte und versprach, den Arbeiter*innen nach ihrer Rückkehr nach Mosambik die restlichen 60% auszuzahlen. Doch dieses Versprechen wurde bis heute nicht eingelöst.

Ibraimo lebte wie die meisten Vertragsarbeiter*innen in einem großen, von der DDR-Bevölkerung abgeschotteten Wohnheim in der Nähe des Tierparks. Dabei wurden er und seine Mitberwohner*innen beim Verlassen und der erneuten Ankunft immer streng kontrolliert; sie mussten bis abends um 22 Uhr wieder zurück sein. Besuche waren nur bis 21 Uhr erlaubt, Kontakte zu DDR-Bürger*innen waren berichts- und genehmigungspflichtig. Bei Vertoß gegen die Regeln wurde den Bewohner*innen immer wieder mit Ausweisung gedroht.

Kontakt zu DDR-Bürger*innen gab es entsprechend kaum: Einerseits war dies von Seiten des SED-Regimes nicht erwünscht, andererseits distanzierten sich die meisten DDR-Bürger*innen sehr stark. Ibraimo erzählt, dass er auch vor dem Mauerfall mit rassistischen Übergriffen und Anfeindungen zu kämpfen hatte.

Gleich nach seiner Ankunft aus Mosambik, noch auf dem Weg vom Flughafen Schönefeld in das Wohnheim, fragte Ibraimo die ihm zugeteilte Deutschlehrerin per Dolmetscher, ob er hier wenigstens Boxen lernen könne, wenn er schon nicht studieren dürfe. Drei Monate später kam die Lehrerin auf ihn zu und teilte ihm mit, dass sie für ihn ein Training im Verein BSG Tiefbau Berlin organisiert hätte.

Nach nur einem halben Jahr intensiven Trainings hatte Ibraimo seinen ersten Kampf – und gewann. Es dauerte nicht lange bis er nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene kämpfte. Absurderweise ist sein Berliner Boxtrainer in diesen Kämpfen plötzlich nicht mehr Trainer der DDR, sondern offiziell Nationaltrainer von Mosambik.

Das damalige Startbuch für Boxen hat Ibraimo heute immer noch. Genau wie die vielen Fotos vom Training und von einigen seiner Kämpfe.

Ein Kampf aus diesem Startbuch ist Ibraimo besonders im Gedächtnis geblieben: 1988 wird er beim Chemiepokal in Schwedt an der Oder schwer am Auge verletzt und noch nachts als Notfall ins örtliche Klinikum gebracht. Trotz seiner schweren Verletzungen verweigert ihm die Stationsärztin aus rassistischen Motiven die Behandlung. Die in dieser Nacht diensthabende Krankenschwester stellt sich vehement gegen ihre Chefin und versorgt Ibraimo notfallsmäßig, bevor dieser nach Berlin in die Charité verlegt wird, um dort operiert zu werden. Ein paar Wochen später fährt Ibraimo nach Schwedt, um sich bei der Krankenschwester für ihre Hilfe zu bedanken und die beiden verlieben sich, heiraten und bekommen einen gemeinsamen Sohn.

Nach dem Mauerfall zieht Ibraimo nach Schwedt und boxt dort für den Boxclub »Chemie PCK Schwedt« in der Bundesliga. Zudem übernimmt er das Amt des Ausländerbeauftragten. Doch in Schwedt dominieren seit dem Mauerfall Gruppen von Neonazis und Ibraimo wird tagtäglich angepöbelt, beleidigt und angegriffen. Als sein damals 17-jähriger Sohn 2011 bei einem Fußballspiel von einer Gruppe Rechtsradikaler mit dem Tod bedroht wird, beschließt er, Schwedt zu verlassen. Bis heute kämpft Ibraimo weiter gegen Rassismus und für Integration.

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