Was bleibt.

Archiv der erzählenden Dinge

Säcke voller Stoff im Garten meiner Eltern in der Oberlausitz. „Kannst Du doch bestimmt gebrauchen“, sagte mein Vater kurz nach der Wende zu mir. Säcke voller Muster von Druckproben, fein säuberlich im Format 15 x 20 cm in 5-6 Farbvariationen, getackert, mit der Zickzackschere versäubert und mit Artikelnummern beklebt.

Ausgeräumt aus dem Werk 5 in Löbau, in dem Stoffe designt und bedruckt wurden. Es musste schnell gehen mit dem Ausräumen nach der Wende. Zum Termin musste alles raus sein aus den Produktions- und Lagerhallen, Maschinen wurden verschrottet oder bestenfalls an die kleinen privaten Handwerksbetriebe im Ort verschenkt, zusammen mit Nähgarn, Reißverschlüssen und anderem Nähbedarf. Entweder hatten sich neue Investoren angekündigt oder der Abriss der teilweise maroden Gebäude stand bevor.

Säcke voller Erinnerungen an meine Zeit bei den VEB Oberlausitzer Textilbetrieben, kurz LAUTEX genannt. Wo ich als Lehrling für den Beruf des Wirtschaftskaufmanns (-frau war nicht vorgesehen) gemeinsam mit meinen Freundinnen alle Abteilungen durchlief: Magazin, Poststelle, Preisgestaltung, Weberei, Veredlung, Werkskantine und die Musterstube im alten Stammhaus, einem Umgebindehaus, dass inmitten des Werksgeländes stand und in dem im unteren Bereich die Erste-Hilfe-Station des Hauptwerkes untergebracht war. In der 1. Etage des Hauses die Musterstube, die sämtliche Stoffe für Messen und Ausstellungen im besagten Format 15 x 20 cm präparierte. Wir Lehrlinge durften für zwei Wochen bei der Musterung der Stoffe zuschauen und kleine Arbeiten übernehmen. Es war damals immer eine ganz besondere Stimmung in diesem Raum: eine sorgfältige und konzentrierte Arbeit mit dem „Extrakt“ der ganzen Arbeitsschritte, die ein Stoff braucht, um weiter in die Konfektionskette zu gelangen.

Erinnerungen auch an meine ersten Arbeitsjahre in der Abteilung „F&E“ (Forschung&Entwicklung), ein Betrieb im Betrieb, in dem kleine Kollektionen von Neuentwürfen von Stoffen kreiert und produziert wurden, mit lauten halbautomatischen Webstühlen, die noch mit Lochbändern programmiert und von polnischen Gastarbeiterinnen betreut wurden. Während ich Zahlen in langen Produktionslisten zusammenrechnen musste, durften im Nebenzimmer die Kollegen Fleger und Hübner an neuen hübschen Stoffen tüfteln. Ab und zu durfte ich in dieser Zukunftswerkstatt meine Nase in die Muster und Kataloge stecken und Stoffproben fühlen. Viele der Entwicklungen gingen dann in den Export oder standen bestenfalls dem Exquisit, edlen und teuren Geschäften für Besserverdienende in der DDR, zur Verfügung.

An all das denke ich, wenn ich jetzt nach 30 Jahren die Stoffproben in den Händen halte, die schon mehrere Umzüge mitgemacht haben, meinen „Schatz der Oberlausitz“. Und an das Gefühl der Fassungslosigkeit ob des beispiellosen Werteverfalls, der damals mit der Umstrukturierung der Wirtschaft einherging. Heute verspüre ich eher ein bisschen Stolz, etwas aus der verschwundenen Kultur gerettet zu haben. Die Stoffproben sind auch nach 30 Jahren noch in guter Qualität und haben gerade genau die Maße für Gesichtsmasken, mit denen ich zurzeit Familie und Freunde versorge. So sind sie gerade sichtbarer denn je.

Ein Gedanke zu “Susann: Stoffe voller Erinnerung in fünfzehn mal zwanzig

  1. Ehrenfried Wohlfarth sagt:

    Die Umtrukturierung der Wirtschaft durch die westdeutsche Treuhand war leider in vielen Fällen problematisch und fehlerhaft. Um langfristige Strategien bemühte man sich nicht. So wurden auch einige überlebensfähige Industriebereiche platt gemacht und ohne Not viele in die Arbeitsloigkeit gestoßen.

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