Was bleibt.

Archiv der erzählenden Dinge

An der Wand meines Kinderzimmers hing in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein hölzernes Bücherregal. Mein Vater baute es für mich. Ich richtete es nach dem Vorbild der Regale in der Kinderbibliothek ein, denn ich war eine neugierige Leserin. „Schnick-schnack-Dudelsack“, verlegt bei Abel & Müller in Leipzig, Druck Nr. 520-4-54, klebte ich die Nummer R04 auf den Rücken.

Die Zeichnung vom Kind im Apfelbaum mit Leiter und Amsel war mir vertraut. Das hätte auch ich sein können. In unserem Garten am Stadtrand von Magdeburg wuchs ich zwischen freundlichen Apfelbäumen auf. Sie bogen ihre Zweige zu mir herunter. Mühe- und leiterlos kletterte ich hinauf. Einen Traktor hingegen kannte ich als Stadtkind nicht. Die Verse zum Bild aber beförderten meinen Kinderglauben an die fortschrittlichste Landwirtschaft der Welt in der heranwachsenden DDR. Hier wurde der Mais verheißungsvoll „Wurst am Stängel“ genannt. Der Junge im Ausguck, so stellte ich mir vor, würde unbedingt Traktorist werden.

Ungefähr dreißig Jahre später, im Jahr 1989, lebte ich abwechselnd in Berlin und in einer ehemaligen Meierei nahe dem Dorf Mallin in Mecklenburg. Weite Landschaft. Endmoräne. Freier Blick.

Doch am Feldrand hinter dem Hügel lungerte ein Schrottplatz. Teile von kaputten Landmaschinen sanken in den Ackerboden ein. Treibstoff versickerte. Man konnte das Gras darüber wachsen hören. Ansonsten war es still.

Wenn Heiner aus dem Gedicht von Ruth Kraft tatsächlich Traktorist geworden ist, dann hat er vermutlich schon vor 1989 den Metallwimpel mit der motivierenden Aufschrift „Der Sozialismus siegt“ von seinem Traktor gepfeffert. Aus Verdruss. Der Staat DDR lag in Agonie. Mecklenburgs Felder waren überdüngt. Aus dem Raps hatten Pflanzenzüchter die natürlichen Bitterstoffe entfernt. Diese sorgten bislang dafür, dass große Vögel sich nicht daran überfressen konnten. Jetzt platzten den Störchen und Kranichen die Mägen. Sie verendeten noch auf der Scholle.

Eines Morgens im letzten Sommer der DDR blickten die Bauern von Mallin und Zugewanderte wie ich staunend auf einen riesigen roten Acker. Bis zum Horizont tummelten sich unzählige Marienkäfer. Bauer Walter hatte mit seinen sechzig Jahren noch nie das Dorf verlassen. Er kam mal eins vorbei1 und wusste sonst immer, wie das Wetter wird. Bei diesem Anblick aber stützte er sich ratlos auf seine Sense: „Ich weiß nicht, wie es weitergeht.“ Am selben Tag schloss ich die Meierei ab, legte den Schlüssel unter die Milchkanne im Windfang und fuhr nach Berlin. Den betagten Wimpel holte ich vom Schrottplatz und nahm ihn mit.

Wieder dreißig Jahre später steckt er als Museumsstück im Magdeburger Apfelgarten.


1 Redewendung aus Mecklenburg

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