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Archiv der erzählenden Dinge

Barbara und Frank – Ein Laden als lebendiges Museum

Barbara und Frank sind die Besitzer*innen eines kleinen Ladens in Berlin-Friedrichshain, in dem es nur originale Gegenstände aus der DDR zu kaufen gibt. „Der Vorwende-Laden“ ist jedoch viel mehr als ein Geschäft: Er ist ein Begegnungs- und Erinnerungsort.

Vor dem Mauerfall arbeitete Frank als Ingenieur und plante die gesamten Heizungsanlagen des Palastes der Republik. Als dieser 1976 mit einer großen Feier eröffnet wurde, saßen Frank und seine Kolleg*innen im Keller des Hauses und überwachten die Anlagen. Feiern taten sie erst tags darauf.

Obwohl er nie in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) eintrat, entwickelte Frank über die Jahre eine besondere Beziehung zum Palast der Republik. Er verbrachte viel Zeit in dessen Cafés und Restaurants und ging meist einmal die Woche dort essen. Dass die Preise erschwinglich und damit für jede Person bezahlbar waren, trug zu einer Atmosphäre von Gemeinschaft bei, der er sich zugehörig fühlte.

Nach dem Mauerfall verlor Frank seine Stelle als Ingenieur und war längere Zeit arbeitslos, engagierte sich jedoch in seinem Kiez in verschiedenen Sozialprojekten. Als der Palast der Republik 1990 geschlossen und das gesamte Interieur zu einer nicht-öffentlichen Versteigerung freigegeben wurde, erwarb Frank das gesamte Braunband-Kaffeegeschirr, das ihn an seine Zeit im Palast erinnerte. Er wollte damit ein „Café der Republik“ eröffnen, um die Menschen dort wieder zusammenzubringen und dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit nicht zu verlieren. Doch die Pläne scheiterten. Stattdessen eröffnete er ein paar Jahre später gemeinsam mit seiner Frau Barbara den „Vorwende-Laden“.

Jenseits der eigentlichen Verkaufsfläche gibt es im Laden noch ein kleines Hinterzimmer, das ursprünglich ein kleines Museum war. Barbara und Frank hüten es wie ihren Augapfel, denn hier befinden sich Gegenstände, die eine persönliche Geschichte in sich tragen und deshalb nicht verkäuflich sind. Über die Jahre wurden die Objekte in diesem kleinen Raum immer mehr, so dass das Museum von damals heute nicht mehr betretbar ist. Nur ein schmaler Gang führt durch den mit hunderten Objekten gefüllten Raum, die auf Regalen, in Vitrinen und an den Wänden zu entdecken sind.

Für Barbara ist dieser Ort etwas sehr Intimes, von dem sie sich nicht trennen möchte: „Würde ich das alles wegwerfen, müsste ich mein Leben wegwerfen.“ Die Dinge verkörpern einen Teil ihrer Lebensgeschichte, der für sie wichtig und prägend war und den sie nicht einfach vergessen möchte.

Ganz besonders liegt Barbara eine blaue Kittelschürze am Herzen, die an einer Wand des Raumes hängt. Als der „Vorwende-Laden“ gerade eröffnet hatte, bekam sie diese von einer Frau geschenkt, die eine der vielen sogenannten ‚Trümmerfrauen‘ war, die in Berlin nach 1945 den Schutt der zerstörten Gebäude wegräumten. Dabei trug sie die blaue Schürze, die nun Teil von Barbaras und Franks geheimem Museum ist.

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