Was bleibt.

Archiv der erzählenden Dinge

„Dies ist ein geschnitztes Rehkitz, das einmal mit seinen Eltern im Wohnzimmerschrank stand und als Stücke aus der Heimat von meiner Mutter sehr in Ehren gehalten wurde – über die Jahre ist es verwaist und es hat sehr gelitten, was aber seiner symbolischen Bedeutung keinen Abbruch tut. Und eine Karaffe, die die Umzüge besser überstanden hat; beides hebe ich immer noch auf. Meine Mutter ist 1931 in Sachsen Anhalt geboren – sprach aber immer von Mitteldeutschland. Im Zuge der Brüche nach dem zweiten Weltkrieg reiste sie ihrem Vater nach, an den Rhein. Dort traf sie wiederum auf meinen Vater, einen waschechten Rheinländer.

Manchmal versuche ich zu verstehen, wie sie mit dem Kulturschock und der Entwurzelung klar kam, was sie durch diese Zeiten trug. Da war dann also mein Vater und später drei Kinder. Es war keine gute Ehe – wenn man das als Familienbeteiligter überhaupt sagen kann. Die Beziehung der eigenen Eltern wird für jedes Kind ein Buch mit sieben Siegeln bleiben, aber wenn es gut geht, dann haben die Kinder die Chance auf eine gute Kindheit. Die hatten wir nicht.

Die Realität waren all die Schwächen der Vaterseite, kontrastiert mit den Sehnsüchten von der Mutterseite. Ich wuchs in dem Glauben auf, dass im Osten die besseren Menschen wohnten. Kindheitsbesuche schienen das zu bestätigen, auch wenn es auch da ’sone und solche‘ gab.

Meine Mutter hielt zu ihrer Familie engen Kontakt. Sie starb 1983. Ich hätte ihr so gewünscht, dass sie die Wiedervereinigung erlebt hätte. Es hätte sie endlich wieder glücklich gemacht – so fühlt das Kind in mir.

Die Kindergeneration hat den Familienzusammenschluss nicht geschafft. Zu groß war die Hürde der fehlenden Realität, der Ressentiments, der fehlenden gemeinsamen Geschichte. Meine zarten Versuche, an meiner Mutter statt die Wiedervereinigung familiär zu vollziehen, scheiterten an scheinbar banalen Dingen – da wurden von den Geschwistern Geschichten anders erinnert als von meiner Mutter erzählt. Sollte ich sie zur Lügnerin machen lassen? Sollte ich, um in den Schoß einer imaginären Familie „heimkehren“ zu können, meine reale Vergangenheit im Stich lassen? Die ganze Situation hat meinen inneren Loyalitätskompass überfordert. Später dann kamen noch abgeblockte Besuche dazu – deutlich spürbar, dass man nicht von Wessis überrollt werden wollte. Irgendwie war es mir auch recht. Es war die Geschichte meiner Mutter.

Neben vielfältigen anderen Einflüssen auf meine Geschichte war die Herkunft meiner Mutter für eine gewisse kritische Distanz bei mir verantwortlich. Ich habe den ‚Westen’ nie kritiklos hingenommen in blinder Zugehörigkeit. Mich störten immer die Anwandlungen, mehr scheinen als sein zu wollen. Immer mehr haben zu wollen, womit nur der Schein angefüttert wurde. Meine realen Erfahrungen mit Ossis haben mir nach der Wende unverstellte Menschen näher gebracht – das macht sie nicht unbedingt besser – aber echter. Ich suchte die Begegnung und schloss Freundschaften in Sachsen und Berlin und habe schließlich einen Ossi geheiratet. Meine Mutter hätte ihn gemocht – und er sie auch.“

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