Was bleibt.

Archiv der erzählenden Dinge

Mario – Leben abseits der Einheitsproduktion

Mario wuchs in einem kleinen Dorf in Sachsen auf und war vierzehn Jahre alt, als die Mauer fiel. Seine Erinnerungen an die DDR sind vor allem von Erlebnissen seiner Kindheit und frühen Jugend geprägt. Als junger Mann und leidenschaftlicher Punker ging Mario schließlich nach Berlin und eröffnete im Prenzlauer Berg VEB Orange – einen Laden voll von verkäuflichen Dingen und unverkäuflichen Erinnerungsstücken aus der Zeit vor dem Mauerfall.

Dieser Abreißkalender hängt schon seit vielen Jahren in Marios Laden VEB Orange. Doch anders als die meisten anderen Dinge des Inventars ist der Kalender nur zum Anschauen da und nicht zum Verkaufen; das lässt sich an dem kleinen „X“ ablesen, das den Rand markiert. Denn der Kalender erzählt von einem ganz besonderen Datum im Leben einer jungen Frau: Am 25. Oktober 1989, etwa zwei Wochen vor Mauerfall, durfte sie per Antrag nach West-Berlin ausreisen. Sie konnte nur einen kleinen Koffer mitnehmen. Ihre Wohnung, komplett eingerichtet, ließ sie zurück. Und mit ihr auch den Abreißkalender, der seit diesem Tag wie in der Zeit stehen geblieben ist. Als die Frau ein paar Wochen nach dem Mauerfall wieder nach Ost-Berlin zurückkonnte, fand sie ihre Wohnung exakt so vor, wie sie diese verlassen hatte. Den Kalender hob sie als wichtiges Zeitzeugnis auf.

Als sie viele Jahre später den Laden von Mario entdeckte, entschloss sie sich, den Kalender Mario zu vermachen. Und seitdem hängt er an einem der vielen Regale im VEB Orange, fast unscheinbar. Doch wer genau hinhört und nachfragt, der bekommt die Geschichte erzählt, die in ihm schlummert.

Mario lebte mit seiner Familie in einem kleinen Bergdorf in Sachsen und bekam von der friedlichen Revolution und dem Mauerfall nur aus der Ferne etwas mit. Doch er erinnert sich sehr genau daran, dass er mit seiner Familie kurze Zeit darauf, im November 1989, seine erste Reise nach Westdeutschland machte – natürlich im familieneigenen „Trabbi“. Mario erzählt, wie aufgeregt er war und dass er sich vor allem an den Geruch erinnert, der diese Reise für ihn prägte: Da der Trabant keine Heizung besaß, hatte Marios Vater hinten im Fußraum einen kleinen Katalytofen eingebaut, ein sogenanntes stromunabhängiges Kompaktheizgerät. Als Folge stank es während der gesamten Fahrt nach Katalytbenzin.

Nach dem Mauerfall war für den jungen Mann plötzlich alles anders. Es gab viele neue Möglichkeiten und alles war unbekannt und aufregend. Mario fuhr, so oft es ging, nach Berlin, um in dieser großen und diversen Stadt unterwegs zu sein und wurde dort Teil der Hausbesetzer*innen- und Punk-Szene. Bis vor Kurzem lebte er im Hausprojekt Kastanie 86 im Prenzlauer Berg.

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