Was bleibt.

Archiv der erzählenden Dinge

Silvia – »Der Osten ist nicht der Osten.«

Von ihrer Wohnung an der Friedrichstraße aus teilt Silvia  mit uns ihre Empfindungen und Gedanken zum Leben an der innerdeutschen Grenze.

Foto: Moritz Geiser

Silvia wohnte zur Zeit der deutschen Teilung direkt gegenüber dem S-Bahnhof Friedrichstraße, in Ost-Berlin. Von ihrem Fenster blickte sie auf die Ausreisehalle der Grenzübergangsstelle Bahnhof Friedrichstraße in Ost-Berlin. Diese wird von Berliner*innen auch Tränenpalast genannt, da sie ein Ort des Abschieds von Familien, Freund*innen und Partner*innen in Ost- und West-Deutschland war, und ein Ort des Wiedersehens. 

Silvia sah neben der Ausreisehalle auch den „West-Bahnsteig“ der S-Bahnstation, von dem aus die Aus- und Einreisenden die West-Berliner Stadtbahn nahmen.

Das Geräusch, das Silvia damals jahrelang begleitete, waren die MPs (Maschinenpistolen), die abendlich durchgeladen wurden. Denn am Ende ihrer Schicht mussten die Grenzsoldat*innen ihre Patronen aus den Pistolen holen. Wenn Silvia an diese Zeit denkt und an ihre Wohnung an der Friedrichstraße, dann hat sie sofort dieses Geräusch im Ohr und sieht das Bild der patrouillierenden Grenzsoldat*innen.

Silvia arbeitete während der DDR und der Zeit nach dem Mauerfall bei der ostdeutschen Theaterzeitschrift „Theater der Zeit“. Bis zum Mauerfall schrieben dort alle Mitarbeiter*innen ihre Artikel auf Schreibmaschinen, die teilweise aus den 1940er und 1950er Jahren stammten. Auf dieser Schreibmaschine schrieb Silvia viele politische Artikel, immer im Versuch, der Zensur durch die SED und die Staatssicherheit zu entgehen. Deshalb schrieb sie zwei ganz „laute“ Sätze, die offensichtlich gegen die herrschende Meinung der SED gerichtet waren und zehn ganz „leise“, subtile. Die zwei lauten wurden in der Zensur gestrichen, doch die zehn leisen, die kamen durch….

Als es zur Wiedervereinigung der DDR mit der BRD kam, wurden alle staatlichen Betriebe, in die öffentliche Gelder geflossen waren, abgewickelt. Das heißt, sie wurden stillgelegt oder privatisiert und verkauft. Auch der Verlag der Zeitschrift „Theater der Zeit“ wurde abgewickelt: Statt Schreibmaschinen bekamen die Mitarbeitenden Computer. Silvia konnte sich nur langsam mit dem Schreiben an diesem Gerät abfinden. Für sie stand dabei immer etwas zwischen ihr und ihren Gedanken, da die haptische Erfahrung der Schreibmaschine, mit dem Papier und der Druckerschwärze, fehlte.

Eines Tages sah Silvia riesige Container im Hof ihrer Arbeitsstelle stehen, voll von alten Zeitschriften und Büchern des Verlags und auch ihrer Schreibmaschine. Sie lief hinunter und rettete, was sie tragen konnte: alte Fotos, Bücher und ihre geliebte Olympia-Schreibmaschine, die heute immer noch in der Schaubude Berlin steht.

„Ich werde bei den Dingen aus der DDR nicht sentimental. Aber die Dinge in der DDR, die mir wirklich wichtig waren, waren die Bücher. Es gab so wunderbare Bücher in der DDR. Natürlich gab es die alle im Westen auch, das ist logisch. Aber diese Bücher waren so erworben. Da musste man drum kämpfen, um sie zu bekommen: du musstest stundenlang anstehen oder Freund*innen fragen, dass sie dir Bescheid sagen, wenn dieses oder jenes Buch zu kaufen ist. Eines der wichtigsten Bücher in der DDR ist für mich „Meister und Margarita“ von Bulgakow.

Ich war vor etwa fünf Jahren in Moskau und dort habe ich einen Spaziergang gemacht mit einer sehr alten, deutschsprachigen Frau – Olga. Und sie wusste nicht, dass ich das Buch „Meister und Margarita“ gelesen habe. Aber sie wusste, ich bin Osten und sie ist Osten. Und sie hat mit mir einen Spaziergang durch Moskau gemacht und mir die ganzen Orte aus diesem Buch gezeigt. Ohne zu wissen, was ich sehen will. Und das ist für mich Osten, Osteuropa. Ja, du siehst dich, und weißt, dass das auch dein Buch ist. Das war das Positive am Osten, dass man diese Verbindung miteinander hatte. Ich glaube, an diesem Buch mache ich meine DDR-Identität fest.“

Silvia war von 1997 bis 2015 Künstlerische Leiterin der Schaubude Berlin.

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